Wahl/Crome/Deppe/Brie: Weltordnung im Umbruch

Peter Wahl / Erhard Crome / Frank Deppe / Michael Brie: Weltordnung im Umbruch, Krieg und Frieden in einer multipolaren Welt, Köln 2025, PapyRossa Verlag, 160 S., ISBN 978-3-89438-842-3, 14,90 Euro

Laut Vorwort ist der Text kollektiv erarbeitet. Man kann also als Ergebnis gründlicher Erörterungen der vier bekannten Autoren werten.

Die sechs Kapitel bauen logisch aufeinander auf. Das erste erläutert die Funktionsweise des internationalen Systems. Das zweite beschreibt den globalen Aufstieg des Südens und seine Akteure. Der relative und ungleichmäßige Niedergang des Westens ist Thema des dritten Kapitels. Kapitel 4 analysiert Grundzüge und Funktionsweise einer multipolaren Ordnung. In Kapitel 5 und 6 geht es um Kontroversen in der Friedensbewegung und Anregungen für ihre Weiterentwicklung. Zentrale Thesen:

  1. Zum internationalen System

Nationalstaaten verfügen über ein Gewaltmonopol (Polizei, Justiz, Strafvollzug, Militär) und damit über Steuerungselemente und eine hohe Regulierungsdichte, mittels derer innere Konflikte gedämpft und in relativ geordnete Bahnen gelenkt werden. Im internationalen System, den Beziehungen zwischen den Staaten, gibt es hierzu kein Äquivalent. Sie ähneln eher dem „gesellschaftlichen Naturzustand“ mit tendenziell anarchischen Zügen. „Zentrale Kategorien in zwischenstaatlichen Beziehungen sind daher nach wie vor Macht und Interessen“, die durch Völkerrecht und Institutionen wie die UNO höchstens rudimentär eingehegt werden. (12)

Basis der Macht sind die Ressourcen der Staaten, ihr militärisches, ökonomisches, technologisches Potential, ihr politischer Einfluss und ihre Soft Power (kulturelle und ideologische Ausstrahlung im weitesten Sinne). Zwischen ihnen besteht Wechselwirkung. Auch Faktoren wie Bevölkerungsgröße oder Größe und geografische Lage des Territoriums gehen in sie ein. Große Unterschiede in den Ressourcen bewirken ein Machtgefälle und eine Hierarchie der Staaten im internationalen System, bzw., der „Weltordnung“. Der Zusammenbruch der UdSSR leitete eine unipolare Ordnung unter der Dominanz der USA ein. Die Finanzkrise 2008 signalisierte das Ende des „unipolaren Moments“ und den Übergang zur Multipolarität.

  1. Aufstieg des Südens

Das Zentrum der Weltwirtschaft verschob sich vom transatlantischen Raum nach Asien. 2024 lag das BIP Chinas nach Kaufkraftparität vor dem der USA. Es folgten Indien, Russland, Japan, Deutschland. Laut Prognosen steigt bis 2050 der Anteil Chinas am Welt-BIP auf 20, der von Indien auf 18 Prozent. Der US-Anteil sinkt bis 2050 auf 12 und der der EU auf 9 Prozent. Dieser Aufstieg des Globalen Südens ist die „eigentliche Zeitenwende“. Die ökonomischen, politischen und kulturellen Ressourcen des heutigen China, die Selbstorganisation des Globalen Südens in den BRICS, der Shanghai Kooperations-Organisation (SCO), etc. sowie Russlands Renaissance als Großmacht sind wichtige Elemente dieses Aufstiegs.

Wahrnehmung und Narrative der Eliten von USA und EU deuten den Aufstieg Chinas als Bedrohung. Sie etikettieren Chinas selbstbewusste Außenpolitik als „aggressiv“ und unterstellen der Volksrepublik, sie wolle die USA als Hegemonialmacht ablösen. Real ist Chinas Außenpolitik primär defensiv, gerichtet auf gleichberechtigte internationale Beziehungen und die Überwindung der Hegemonialordnung. Die BRICS fordern die Demokratisierung internationaler Beziehungen und Reformen von UNO, Weltbank, WTO und IWF. Ergänzend und alternativ praktizieren sie gleichberechtigte Kooperation untereinander und bauen eigene internationale Institutionen auf.

  1. Niedergang des Westens

Das ökonomische und machtpolitische Gewicht des Westens sinkt in Relation zum Aufstieg der BRICS. Die USA besitzen noch das breiteste Spektrum an Machtressourcen und bleiben Supermacht. Der „verstärkte Einsatz dieser Machtressourcen zum Zweck der Erpressung anderer Staaten […] führt aber auch zu Abwehrreaktionen und beschleunigt die Süd-Süd-Kooperation unter Führung Chinas.“ (58) Zu den Elementen von Trumps widersprüchlicher Politik gehört die Einsicht, dass die Unipolarität vorbei ist und die USA überdehnt sind. Er will Russland von China lösen. In den USA will er drei Jahrzehnte industriellen Niedergangs aufhalten, um die Stellung der USA in der Konkurrenz mit China zu konsolidieren, auch auf Kosten der EU.

Die EU-Eliten träumen vom Weltmachtstatus. Die summierten BIPs der EU-Mitgliedstaaten böten das ökonomische Potential. Doch auf Zukunftsfeldern liegen die EU und das dominierende Deutschland zurück. Sie verfügen nicht über große Internetkonzerne wie die USA und China. In der Autoindustrie überholte China Deutschland bei der Elektromobilität. Die EU-Spitze sucht die Lösung in einem gigantischen Militarisierungsprogramm. Zuständig für Militär sind die Mitgliedstaaten. Interessenunterschiede, Uneinigkeit, Rivalität der „Großen“ um die Führungsrolle, militärische Abhängigkeit von den USA, selbstzerstörerische Sanktionen gegen Russland und Trumps Politik untergraben den Status der EU.

Deutschland verharrt in der Stagnation. Multiple Krisen ab 2020 verbinden sich mit der EU-Strukturkrise. Die „Zeitenwende“ 2022 gab den Militarisierungskurs für die EU vor. Merz will die Bundeswehr zur stärksten Armee Europas machen. Die „Koalition der Willigen“ aus Starmer, Macron und Merz setzt den Ukrainekrieg fort, um „sowohl einen russischen Erfolg als auch einen Deal zwischen Russland und den USA zu verhindern.“ (97) Erneut wird die deutsche Verfügung über Atomwaffen thematisiert. Fraglich ist, „ob ein deutscher Anspruch auf Führungsmacht in der EU überhaupt auf Akzeptanz stößt und ob er innenpolitisch durchgehalten werden kann.“ (99)

  1. Multipolarität

Umbrüche im Prozess der Entstehung einer multipolaren Weltordnung werden auf absehbare Zeit zur zentralen Determinante für die Dynamik des internationalen Systems. Im Vergleich zur „europäischen Pentarchie“ 1815 bis 1914 gibt es völlig andere Rahmenbedingungen. Die Verdichtung kommunikativer, ökonomischer und anderer Beziehungen zwischen Staaten relativiert heute den Begriff Zentrum und begrenzt dessen Autonomie. Im 19. Jahrhundert gab es keine Atomwaffen. Mit dem Globalen Süden steigen heute Akteure auf, die Jahrhunderte lang Ausbeutung und Unterdrückung ausgesetzt waren. „Damit bekommt die neue Weltordnung eine emanzipatorische Dimension, die es im Europa des 19. Jahrhunderts nicht gab.“ (107)

Ein multipolares System eröffnet auch weniger gewichtigen Ländern außenpolitische Spielräume, da es eine multivektorielle Außenpolitik ermöglicht. Risiken und Instabilität können aber ebenfalls zunehmen. Im multipolaren (polyzentrischen) System geht es wechselhaft und dynamisch zu. Umso wichtiger wird friedliche Koexistenz.

  1. Narrative

Die starke Friedensbewegung der 1980er Jahre zerfiel nach 1990. Die Kriege der USA im „unipolaren Moment“ – mit Ausnahme des Irakkriegs – stießen in Europa auf wenig Protest. Die USA begründen Kriege und Regime-Change-Operationen oft mit Menschenrechtsinterventionismus. Sie unterteilten die Welt in „Demokratien“, die sich den USA fügen, und „Autokratien“, die die USA herausfordern. Teile der einstigen Friedensbewegung huldigen heute einem „progressiven Bellizismus“. Mit dem Ukrainekrieg „entstand eine supergroße Koalition, die von der Biden-Administration über die NATO, die EU, CDU/CSU und Ampelregierung bis in die Linkspartei und Teile etablierter Friedensorganisationen wie die DFG/VK reichte.“ (112)

Dass heute die rechte AfD und US-Präsident Trump für Verhandlungen mit Russland sind, verkompliziert das Bild. Eine realitätstüchtige Analyse gegenwärtiger Ereignisse muss hinter die Oberfläche gewohnter Denkmuster und Narrative vordringen. Das betrifft Themen wie Demokratie und Menschenrechte und ihre Instrumentalisierung für Außenpolitik, nationale Souveränität, nationale Befreiung und Separatismus. Klärungsbedarf gibt es auch beim Begriff des Imperialismus, dessen Verständnis derzeit „zwischen Rosa Luxemburg und Olaf Scholz“ variiert. (S. 140)

  1. Kritik am Bellizismus

Kontroverse Sichtweisen sind in Umbruchperioden unvermeidlich. Eine Friedensbewegung auf der Höhe der Zeit muss mit internen Differenzen produktiv umgehen und sich auf die Kritik am Bellizismus konzentrieren:

Das Dogma „Frieden durch Abschreckung“ hat den fundamentalen Defekt, dass die Gegenseite genauso denkt. Nur Rüstungskontrolle und Abrüstung wirken der Aufrüstungsspirale und der Gefahr wechselseitiger Vernichtung entgegen. Einseitiges Moralisieren, Feindbilder, Missionarismus, hochschäumende Emotionen werden leicht als „Schmierstoff für die Kriegsmaschine“ missbraucht. Plädiert wird für einen „aufgeklärten Realismus“, der dem Prinzip der gemeinsamen Sicherheit Vorrang einräumt und Sicherheit nicht auf das Denken in militärischen Kategorien reduziert. Entspannung, friedliche Koexistenz, Abrüstung und Kooperation kosten viel weniger und ersparen der Bevölkerung eine Politik nach der Parole „Kanonen statt Butter.“ (159)

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Das Buch veranschaulicht die Kräfteverschiebungen in der Welt anhand von Daten. Es bietet interessante Erklärungsansätze für Phänomene, wie den „progressiven Bellizismus“, enthält Argumente zu vielen Streitfragen, vermittelt Wissen über Rüstung und Abrüstung, das zum Teil in den 1980er Jahren schon in breiten Kreisen der Bevölkerung bestand und heute neu vermittelt werden muss.

Zu wenig erfährt man über die Wechselwirkungen von äußeren Beziehungen und inneren Klassenverhältnissen der Staaten. Staaten, in denen die arbeitenden Klassen über Macht und Einfluss verfügen, haben objektiv ein größeres Interesse an internationaler Kooperation und Koexistenz als Staaten, deren Reichtum auf der Ausbeutung ihrer Bevölkerungen und abhängiger Nationen basiert. Multipolarität ändert daran noch nichts, bietet aber objektiv günstigere Bedingungen für Befreiungsversuche.

 

Rezension v. Beate Landefeld, erschien zuerst in Marxistische Blätter